Es soll ja Zeitgenossen geben, bevorzugt Kinder, die Schweine nur noch als Comicfigur oder als Spardose kennen. Dabei werden jedes Jahr in Deutschland 28 Millionen Schweine gemästet und geschlachtet. Obwohl sich also im übertragenen Sinne drei Deutsche ein Schwein teilen, sind sie kaum, wie noch in früheren Zeiten, in unserer Landschaft zu sehen. Werden die meisten Schweine doch in großen Ställen „versteckt”.
Unter den unwürdigen Bedingungen der Massentierhaltung, wie der Kieler Autor Jens Mecklenburg konstatiert. Einen Schweinestall muss man sich heute als große Agrarfabrik vorstellen. Die Kreatur gilt in ihr nichts, der schnelle Profit ist die einzig gültige Maxime.
Es ist schon sonderbar: Wir Deutschen essen soviel Schweinefleisch wie noch in keiner Zeit vorher, nämlich 40 Kilo pro Jahr und Kopf, müssten Schweine also eigentlich schätzen und ehren, aber genau das Gegenteil ist der Fall beklagt der Autor. Obwohl uns das Hausschwein seit Jahrtausenden treu begleitet, schätzen wir es gering. Zu kaum einem anderen Tier haben die Menschen ein so ambivalentes Verhältnis entwickelt. Unsere frühen Vorfahren vergötterten sie noch, wir strafen sie mit Missachtung und lassen ihnen gegenüber jeglichen Respekt vermissen (siehe Massentierhaltung) klagt der renommierte Gastrokritiker.
Ein Fehler, ein saudummer Fehler. Haben uns Schweine doch viel zu geben – nicht nur Fleisch und Wurst, auch Borsten für Bürsten und Pinsel, Leder für Schuhe und Lohn und Brot für Hunderttausende. Wir können auch, schließlich sind es nahe Verwandte von uns, viel von ihnen lernen.
Denn Schweine sind von Natur aus sehr soziale und gesellige Wesen. Wie wir Menschen sind sie nicht gern allein. Sie kuscheln gern, kümmern sich intensiv und liebevoll um ihren Nachwuchs und halten als Gruppe zusammen. Dabei teilen sie ihr Territorium bereitwillig mit anderen. Schweine kennen keine Vorurteile. Ein Angler Sattelschwein versteht sich genauso gut mit einem Berkshire, wie ein Buntes Bentheimer mit einem Chinesischen Maskenschwein. Soziale oder Rasseunterschiede spielen bei Schweinen keine Rolle. Schweine haben ein gutes Gedächtnis und ein gutes Zeitempfinden und sind sehr lernbegierig. Ihr Wissen geben sie selbstverständlich an den Nachwuchs weiter. Schweine haben einen guten Geschmack, können sich gar zu Feinschmeckern entwickeln und sie haben einen unglaublich guten Geruchssinn. So hilft die gute Nase des Schweins bei der Trüffelsuche, feierte aber auch schon Erfolge beim Aufspüren von Drogen und Sprengstoff. Schweine können gut hören, schwimmen und tauchen und sind kluge, hochintelligente, freundliche und den Menschen zugewandte Wesen. Schweine sind einfach unglaublich tolle, spannende und sympathische Tiere, vermittelt uns der Autor mit leichter Feder. Von der Kulturgeschichte über das Wesen bis zum Thema „Schweinesex“ eröffnet das Buch interessante Einblicke in ein Schweineleben. 25 liebevoll geschriebene Porträts alter Schweinerassen und zahlreiche tolle Fotos (das Schwein in allen Lebenslagen) von Ingo Wandmacher runden die literarische Liebeserklärung an unser Hausschwein ab.
Jens Mecklenburg: Das andere Schweinebuch. Von Wild- und Hausschweinen, Glücksbringern und armen Sauen. Cadmos Verlag, 144 Seiten, 24,90 Euro.